Alle sprechen vom Fachkräftemangel. Besteht das Problem wirklich im Mangel – oder was ist das Problem
Werfen wir einen Blick auf
Autor: Hans G. Stamm
Vielleicht fehlen nicht bloß Fachkräfte sondern auch funktionierende Auswahlverfahren.
Warum viele Bildungsbiografien durchfallen
Wer früher keine Diplomarbeit schrieb, brach sein Studium nach 9 Semestern mit Prüfungen und Scheinen ergebnislos ab und hat bis heute nichts in der Hand.
Der heutige Bachelorabschluss eines Studiums nach 6 Semestern existiert flächendeckend erst seit 2009
(Bayern und Sachsen waren die Schlusslichter des "Bologna-Prozess".)
Eine akademische Laufbahn ohne formalen Abschluss wird in automatisierten Bewerbungssystemen nicht erfasst –
das System kennt nur "ja" oder "nein" bei Abschlüssen.
Die Geschichte der elektronischen Datenverarbeitung in Deutschland wurde maßgeblich durch enthusiastische Autodidakten in den Unternehmen geprägt, lange bevor formale Studiengänge existierten.
Ohne akademischen Abschluss ist es heute schwer, IT-Positionen zu erlangen - selbst mit jahrzehntelanger Praxis.
Verdrängungseffekt
Positionen, die traditionell durch Berufsausbildung oder praktische Erfahrung zugänglich waren, sind zunehmend nur noch mit einem Hochschulabschluss zu bekommen. Dies führt zur systematischen Verdrängung erfahrener Fachkräfte ohne akademischen Hintergrund.
Das betrifft vor allem ältere Arbeitnehmende.
Dieser Effekt zeigt sich auch besonders in:
Klar ist: Betroffene erfahren finanzielle Einbußen, soziale Hürden aber auch seelische Verwundung.
Wie demütigend ist es, in einem Fachgebiet abgelehnt zu werden, das man selbst mit aufgebaut und jahrelang geprägt hat?
Wie fühlt es sich an, wenn Kompetenzen nichts mehr wert sind — nicht weil man sie nicht hätte, sondern wegen geänderter formaler Anforderungen?
Wie ist es, erst als Wegbereiter:innen und Expert:innen angesehen und dann als unqualifiziert abgestempelt zu werden?
Vielleicht ist noch etwas anderes am Werk:
Ein stiller Generationenkonflikt. Nicht laut und konfrontativ, wie man es vielleicht vermuten würde – sondern leise, strukturell, in Entscheidungen und Prozessen.
Dazu weitere Fragen:
Jüngere wollen nicht da weitermachen, wo andere aufgehört haben. Wenn ältere Bewerber ihre Erfolge präsentieren, kann das übertrieben oder angeberisch wirken - obwohl es vielleicht um berechtigten Stolz geht.
In einer Welt, die Veränderung sucht, kann das leicht als Rückwärtsgewandtheit missverstanden werden.
Was für die einen als Kompetenzbeweis gilt, ist für andere vielleicht Boomersplaining.

"Danke, aber wir machen das jetzt anders."
Dann ist das kein Angriff auf die Erfahrung der Älteren –
sondern der ganz normale Wunsch nach Übernahme von Selbstverantwortung.
Vielleicht zeigt sich der Generationenkonflikt im Beruf auch deshalb so subtil, weil dort niemand offen sagt:
„Lasst uns das jetzt bitte alleine machen.“
Und stattdessen heißt es: "Wir haben uns für jemanden entschieden, der besser ins Team passt." Oder: Sie sind überqualifiziert."
Freundliche Worte, die jedoch nach leiser Ausgrenzung schmecken.
Vielleicht werden Menschen über 50 bei Neubesetzungen übersehen, weil die jüngere Generation angesichts aktueller Krisen denkt:
Nicht ausgesprochen – aber spürbar.
Und genau das verändert alles?
Ist das Ignorieren derer, die stolz auf ihr Geleistetes sind, vielleicht auch ein stiller Versuch, sie möglichst konfliktfrei loszuwerden?
Um eigene Wege zu gehen – ohne dauernde Rückbindung an die Vergangenheit?
Ich habe keine einfachen Antworten.
Was ich weiß:
Jede Generation hat das Recht, ihre eigenen Erfahrungen zu machen und
auch ihre eigenen Fehler.
Und ja — ich muss einräumen:
Meine Generation hat, — bei allem, was wir erreicht haben und wofür wir Respekt verdienen — auch einiges verk**kt.
Und manches davon lässt sich wohl nicht mehr gutmachen.

Was wäre nötig, damit Erfahrung wieder als Ressource zählt – statt als Störgröße?
Ich bin gespannt auf Eure Kommentare
KIT 11: Verfahrene Verfahren – wenn Erfahrung nichts zählt.