Dieser Artikel untersucht oft übersehene Stärken introvertierter Menschen im Berufsleben. Er beleuchtet die Vorurteile, die überraschende Erkenntnis des Autors über die eigene Persönlichkeit und wie Arbeitgeber von den einzigartigen Qualitäten introvertierter Mitarbeiter profitieren können.
von Hans G. Stamm -
zertifizierter systemischer Coach & Berater (CTAS/ISO/ICI) und zertifizierter Trainer / Coach für LINC PERSONALITY PROFILER
Verhalten ist kontextabhängig und wir zeigen oft nur ausgewählte Seiten unserer Persönlichkeit. Wer andere in Schubladen steckt, verpasst die ganze Vielfalt einzelner Menschen kennenzulernen.
Manchmal offenbaren sich unerwartete Facetten unserer Persönlichkeit, wenn wir uns selbst in neuen Kontexten erleben. Vermeintlich introvertierte Menschen können nämlich verborgene extravertierte Fähigkeiten entwickeln und umgekehrt.

Vor einigen Jahren, während der Zertifikatsausbildung zum Coach und Berater für den LINC Personality Profiler (kurz: LPP), erstellten alle Teilnehmenden eine Auswertung des eigenen Persönlichkeitsprofils.
Die Psychologie nennt eines der Big-Five Persönlichkeitsmerkmale Extraversion. Ich erwartete dort für mich einen hohen Wert. Schon immer wurde mir von anderen gespiegelt, wie extravertiert sie mich wahrnahmen. In meinem Beruf sind regelmäßige Feedbacks zum persönlichen Verhalten und seiner Wirkung üblich, vor allem in der Aus- und Weiterbildung. Deshalb überraschte mich zunächst, was ich durch den LPP über mich erfuhr.

In meiner Auswertung standen unerwartet niedrige extrovertierte und - noch weniger erwartet - hohe introvertierte Werte. Die eigentliche Überraschung steckte in einem Detail. Der LINC Personality Profiler zeigt nämlich - im Gegensatz zu anderen Tests - anstelle einer Kennziffer, eine Skala. Zum Beispiel die von Extraversion bis Introversion. So werden aus den Big Five genau genommen Big Ten. Im Weiteren werden jedem der Big-Five-Skalen sechs Facetten untergeordnet und auf gleiche Weise skaliert.
Die Beschreibungen dieser Facetten haben es in sich. Ich staunte. Drei von sechs lagen in meiner persönlichen Auswertung deutlich im introvertierten Spektrum, zwei davon sogar überwiegend.
Dass ich auf meine Weise introvertiert bin, war mir 50 Jahre lang nicht bewusst. Die meisten Menschen halten mich für extrovertiert, weil sie mich so erleben. Meine introvertierte Seite bekommen sie oft gar nicht zu sehen.
Nur wenige bemerken, dass ich Partys, Kneipen, Discotheken und Schwimmbäder meide. Viele werden sich nicht vorstellen können, dass ich Großveranstaltungen hasse.
Mir liegen mehr die kleinen Zirkel und Verabredungen zu zweit. Zur Erholung suche ich die Einsamkeit, studiere, lese, höre oder meditiere.
Der extrovertierte Anteil meiner Persönlichkeit bleibt unübersehbar. Mein Verhalten, das diesem Spektrum zuzuordnen ist, habe ich früh im Leben geübt und gelernt. Fähigkeiten, die mir als Kind und Heranwachsender halfen, mich in der Familie gegen große Geschwister zu behaupten, nicht von Vorstadtkindern verhauen zu werden oder um mich aus anderen schwierigen Situationen zu manövrieren. Extraversion war also zunächst eine Strategie und erst später ein Charaktermerkmal. Als Teenager habe ich mich hinter meiner Gitarre versteckt, die ich kaum spielen konnte. Sie bot Schutz. Denn eigentlich war ich zu schüchtern, um laut vor anderen zu singen. Im Schauspiel halfen Rollen und Kostüme, in die ich schlüpfen konnte. Und was mir nur wenige Menschen abnehmen: Ich hatte bis vor einigen Jahren immer Lampenfieber.
"Unsere Arbeitswelt wurde von Extravertierten für Extravertierte designt".
(Zeitschrift neue Narrative)
Vermutlich wird es wird von einer Mehrheit so wahrgenommen. Und ja, meine erlernte Extraversion hilft mir vor allem in der Arbeitswelt.
Und doch konnte ich in den letzten Jahrzehnten völlig andere Beobachtungen machen:
Und damit meine ich nicht mich. Die meisten Introvertierten, die mir begegnen, sind mir überlegen. Natürlich gibt auch viele hervorragende Führungskräfte unter den Extrovertierten. Doch die trifft man ohnehin oft in leitenden Positionen an. Die folgenden Vorzüge von Introversion sollten nicht als allgemeingültig missverstanden werden. Es kommt immer auf die richtigen Kombinationen mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen an. Die Ausführlichkeit der Analyse von Merkmalen und den Auswirkungen verschiedener Kombinationen ist eine der Stärken des LINC Professional Profilers.
Introvertierte Fachkräfte sind mindestens genauso entscheidungsfähig wie extrovertierte.
Oft sind introvertierte Mitarbeiter fachlich kompetenter als ihre extrovertierten Kollegen.
Introvertierte neigen zu mehr Gerechtigkeit und Verantwortungsbewusstsein in ihrer Arbeit.
Introvertierte können sehr fokussiert, konzentriert und intensiv arbeiten. Sie sind oft sehr gute Analysten
Introvertierte hören öfter aktiv zu, stellen präzise Fragen und verstehen die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter.
Introvertierte fördern offene Kommunikation und ein wertschätzendes Arbeitsumfeld.
Introvertierte haben oft eine lebhafte Vorstellungskraft und entwickeln innovative Lösungen.
Introvertierte treffen Entscheidungen, die den nachhaltigen Erfolg des Unternehmens sichern.
Introvertierte sind eher zurückhaltend und neigen seltener zur Selbstüberschätzung.
Heute sehe ich meine Aufgaben in der Begleitung und Unterstützung von Menschen in Führungspositionen. Und darin, ganz besonders jenen zu helfen, die noch davon träumen, ihre Ambitionen zu leitenden Tätigkeiten zu verwirklichen. Dessen bin ich sicher:
"Exzellente introvertierte Führungskräfte werden allerorten dringend gebraucht."
Wenn sie noch nicht in der Pole-Position stehen, dann vielleicht weil sie oft lange zögerten, während andere, ohne nachzudenken die Hand hoben, als jemand fragte: "Wer macht es?"
Für viele Menschen ist es nicht einfach, ihre eigenen Stärken und Potenziale zu erkennen. Introvertierten ist der Blick auf die eigenen Werte und Verhaltensweisen oft zusätzlich verstellt. Ihnen kann ich behutsam helfen.
Introvertierte benötigen ihre eigenen Strategien, um ihre Ambitionen zu verwirklichen und sich selbst überzeugend präsentieren und ausdrücken zu können. Wir finden individuell sagbare Worte und Formulierungen.
Auch mit Lampenfieber werden wir fertig. Ziel ist, es künftig nicht mehr aufkommen zu lassen und mit leichter Aufregung gesund umzugehen.
KIT 3 - Introvertiert - Arbeitgebern entgeht da etwas